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Vorauseilender Gehorsam – Ein Kartoffelproblem?

Der Kapitalismus im Allgemeinen und insbesondere der des 21. Jahrhunderts hat die Tendenz, die Menschen, die in ihm leben, zu vereinzeln und anonymisieren. Das ist keine neue Erkenntnis, nur wird diese Tendenz immer sichtbarer, je weiter der Grad der Durchdringung ansteigt. Die Logik des Rechnens und Vergleichens von Werten, die in immer mehr Bereiche des Lebens eindringt, lässt Menschen zu Konkurrenten und Freundschaften zu Kosten-Nutzen-Rechnungen werden. Im Hamsterrad der Selbstoptimierung wird Selbstverwirklichung mit Erfolg gleichgesetzt. Diese und andere düstere Formulierungen sollen verdeutlichen, wie Kapitalisierung und Egoismus zusammenhängen, denn offensichtlich bedeutet profitables Wachstum immer auch, dass Menschen zu Konkurrenten werden – und in je mehr Bereiche des Lebens diese Denkweise des Abwägens und Kalkulierens eindringt, umso kälter und berechnender wird das Soziale.

Interessanterweise scheint bei vielen Menschen in diesem Hamsterrad die Meinung vorzuherrschen, dass dennoch die Überlegung »Wenn das alle tun würden« ein gültiges Argument sei, eine Handlung zu unterlassen. Ein vermeintlicher kategorischer Imperativ wird hier in entstellter Form verwandt, um Handlungen, die den Status quo des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems gefährden könnten, von vorneherein zu unterbinden. Die Berufung auf eine imaginierte Allgemeinheit aller Menschen überzeugt allerdings nicht, wenn es um korrektes und angebrachtes Verhalten geht. (mehr…)