Polizei zeigt was sie kann: gewalttätiges Vorgehen gegen Hausbesetzer*innen und Freund*innen des LIZ

Viele Genoss*innen werden Teile des Geschilderten aus eigener Erfahrung kennen und im Vergleich zu anderen Orten, an denen Polizeigewalt stärker und unangenehmer auffällt, war Bonn viele Jahre lang unser „linkes Sachsen“. Die Polizei verhielt sich ruhig und wir bekamen unsere Bewegungsräume zugestanden. Seit der Räumung am Freitag hat sich unser Verhältnis zum zweifelhaften Burgfrieden mit der Polizei gewandelt.

Wir erinnern uns: letztes Jahr um diese Zeit existierte in Bonn ein Raum, in welchem Platz für Kultur (Lesebühne, Diskussionsrunden, Arbeitsgruppen etc.), Konzerte, Café und Partys war. Stetig kamen neue Menschen dazu und wirkten an dem Projekt mit. Künstler*Innen gestalteten die Räume und hatten einen Ort gefunden, wo sie ihr Können ausstellen konnten und es Platz zum Ausprobieren der eigenen Fähigkeiten und des Miteinanders gab. All dies abseits der kapitalistischen Konkurrenz und Leistung.
Ja, schön war das mit diesem LIZ!

Vor ein paar Tagen, am 28. Juli 2017 um ca. 20 Uhr öffneten sich die Fenster in der ersten Etage der Rathausgasse 6 erneut. Zwei Transpis wurde ausgerollt: WIR SIND WIEDER DA! und KEIN SCHLAF OHNE LIBERTÄRES ZENTRUM! waren darauf zu lesen. Zwei Menschen mit bunten Federmasken erschienen dahinter.
Vor dem Haus hatten sich ca. 80 Menschen zusammengefunden und KEIN SCHLAF OHNE hallte erneut durch die Straße hinterm Bonner Rathaus. Musik, kalte Getränke, Luftballons und Kreide erzeugten eine fröhliche und gelöste Stimmung. Endlich schien es wieder Hoffnung auf einen Ort der freien Entfaltung zu geben. Leider hielt diese Hoffnung nicht lange an. Anwohner*innen informierten die Polizei, welche dann auch nicht lange auf sich warten ließ. Zwei Streifen fuhren vor und verschafften sich einen Überblick über die Lage. Sie tauschten sich mit Anwohner*innen aus und beäugten das nach wie vor friedliche Treiben auf der Straße. Ziemlich bald gesellten sich weitere Streifenwagen und einige Mannschaftswagen zu den bereits vorhanden. Zu beiden Seiten wurde die Straße abgesperrt. Innerhalb kürzester Zeit waren 50 Menschen vor dem Haus eingekesselt. Leute von „draußen“ wurden nicht mehr „rein“ gelassen und wenn sich Personen der Absperrung näherten, gab es Platzverweise. Diesen wurde aggressiv Nachdruck verliehen. Entfernte man sich nicht schnell genug von der Absperrung, wurden Handschuhe angezogen und mit Festnahmen gedroht. Auch „einen kleinen Schubs“ hielten die Polizist*innen da für keines Wegs unangebracht. Die eingetroffene Hundertschaft trug den Rest zur sehr angespannten Stimmung Seitens der Polizei bei. Aus dem besetzten Gebäude wurde die Polizei immer wieder dazu aufgefordert, sich zurück zu ziehen. „Es handelt sich um einen friedlichen Protest; es gibt keinen Grund für ein derart aggressives Auftreten.“ Hiervon ließen sich die Beamt*innen allerdings wenig beeindrucken. Um ihrem Auftreten, das alles andere als friedlich und deskalierend war, Nachdruck zu verleihen, wurden hin und wieder sehr aufgeregte Hunde an kurzer Leine und mit Maulkorb von der einen zur anderen Absperrung „vorgeführt“. Die Lage spitze sich ab diesem Zeitpunkt immer weiter zu. Im Kessel der Polizei befanden sich zu dem Zeitpunkt noch ca. 30 Leute. Die Unterstützung davor war weitaus Größer. 60 Personen forderten immer wieder lautstark den Rückzug der Polizei und machten deutlich, dass der Wunsch nach einem libertären Zentrum in den vergangenen Monaten nicht weniger geworden ist. Zwischen den beiden Absperrungen hatte sich die Stimmung auf Grund der sehr aggressiv auftretenden Polizei etwas abgekühlt. Die Freude über den wieder besetzen Raum wurde grob gedämpft durch ihr bedrohliches Auftreten. Da wo es in Bonn in der Regel friedlich zugeht, wo tatsächlich Polizei und Aktivist*innen kommunizieren und auch die erste Räumung friedlich vonstatten ging, zeigte die Einsatzstelle Ramersdorf an diesem Abend „was sie kann“.
Die etwa 30 eingekesselten Personen ließen sich von den Polizist*innen nicht einschüchtern und gestalteten die eher unangenehme Situation nach wie vor durch Musik, Kaltgetränke und Straßenkreide so schön wie eben möglich. Auch die Tatsache, dass die Polizei durchgehend filmte, trug nur unwesentlich zur Trübung der Stimmung bei.
Gegen ca. 23 Uhr machte sich die Hundertschaft dann einsatzbereit. Die eingekesselten Menschen versammelten sich friedlich vor dem Eingang der Rathausgasse 6. Der Einsatzleiter kam und erklärte, es gäbe nun fünf Minuten Zeit sich zu entfernen, ansonsten würde man entfernt. Auf eine Unterhaltung, wieso ein friedlicher Protest so massiv bedrängt und geräumt wird, gab es lediglich die Antwort „ Das ist so, weil ich das sage und da wird nicht diskutiert!“. Und tatsächlich rückte fünf Minuten später die behelmte Einsatztruppe von ca. 30 Beamtinnen geschlossen vor und prügelte auf die unbewaffneten, ungeschützten Menschen im Kessel ein. Die Leute wurden weg gedrängt und zwischen Polizei und Mannschaftswagen eingekeilt.
Der große Teil der Gruppe hielt die Arme hoch. Immer wieder hallte „Wir sind friedlich was seid ihr?!“ durch die Nacht. Schließlich wurde den Eingekesselten ein Platzverweis für die gesamte Innenstadt (sic) erteilt und sie wurden ohne Personalienkontrolle nach Hause geschickt.
Eine weitere Polizeitruppe machte sich unmittelbar im Anschluss daran, die BesetzerInnen aus der ersten Etage der Rathausgasse zu holen. Ca. 15 Beamt*innen stürmten voll uniformiert das Gebäude. Von draußen war der Lärm von splitterndem Holz und Glas zu hören. Kurz danach wurden zwei Personen aus dem Haus in den bereit gestellten Gefangenentransporter geschleift. Die Straße blieb nach wie vor gesperrt und die Polizei blockte jeden Versuch der Informationsgewinnung über den Verbleib der zwei Gefangen genommenen rüde ab. Auch die unterstützende Anwältin wurde abgewimmelt.
Als sich nach einer knappen Stunde der Gefangenentransport Richtung Ramersdorf auf den Weg machte, formierte sich spontan ein solidarischer Protestzug, um die Gefangenen in der Gesa zu unterstützen. Nach mehreren Stunden wurden die Gefangenen mit Hämatomen im Gesicht und sichtlich mitgenommen aus dem Gewahrsam entlassen. Sie wurden von Unterstützer*innen vor der Wache in Empfang genommen und nach Hause gebracht. Auf dem gesamten Heimweg wurde die Gruppe von beobachtenden Einsatzwagen begleitet.
Auch das ganze Wochenende lang wurden die nun wieder leer stehenden Wohnungen von der Polizei bewacht.

Vielen Dank an die Unterstützer*innen! Wenn die Repression zunimmt, müssen wir noch enger zusammenhalten. Wir fordern nach wie vor: Her mit den Libertäten Zentren!


0 Antworten auf „Polizei zeigt was sie kann: gewalttätiges Vorgehen gegen Hausbesetzer*innen und Freund*innen des LIZ“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


drei + neun =