Fragmente libertärer Stadtpolitik

Wir haben gestern in einem Leerstand das Erscheinen der „Fragmente libertärer Stadtpolitik“ gefeiert. Diesen Text veröffentlichen wir im Laufe der nächsten Wochen auf unserer Seite.

Ein paar Wegweiser…

Der Kapitalismus ist als Gesellschaftsform nicht mehr tragbar. Darüber, warum das so ist, sind viele gute Bücher geschrieben worden, die sich kaum in der Einleitung einer kleinen Broschüre sinnvoll wiedergeben lassen. Außerdem glaube ich, dass im Jahr 2017 fast jede_r eigene Gründe hat, dieses System zu hassen. Dass es weg muss, ist klar, aber wie das geschehen soll und was danach kommt, darüber gibt es gewisse Unklarheiten.
Der Kapitalismus ist ein System, das von uns allen permanent neu erschaffen wird. Profitorientierte Verwertungslogik ist das ordnende Prinzip unserer Gesellschaft. Wir sind gezwungen nach diesem Prinzip zu handeln, aber indem wir so handeln, setzen wir erst wieder den Zwang für andere in die Welt. Daher kann es nicht ausreichen, einfach nur die Eliten dieser Gesellschaft anzugreifen. Wenn wir die Leute entmachten, die die herrschende Klasse in dieser Gesellschaft stellen, steht schon die nächste Gruppe von Leuten bereit, um sich als neue Funktionselite zu konstituieren. Danach haben wir dann dieselbe Scheiße in grün. Wenn wir die staatlichen Strukturen so wie sie sind bestehen lassen, werden wir keine freiheitliche Gesellschaft erschaffen können. Aber auch ein Kampf gegen die staatlichen Repressionsorgane, der nur um seiner selbst willen geführt wird, birgt in sich nicht das Potential zur Veränderung. Sicherlich werden Konfrontationen mit der Polizei unvermeidlich sein, wenn wir versuchen auf neue Weise zu leben, mindestens weil wir uns dabei über die Regeln des Privateigentums hinwegsetzen. Gewalt kann aber nicht an sich das Mittel einer positiven Veränderung sein. Die Veränderung einer Gesellschaft kann nicht in der Anzahl verprügelter Polizist_innen gemessen werden, denn Polizist_innen sind für diesen Staat nur entbehrliches Kanonenfutter.
Es gilt die gesellschaftlichen Verhältnisse, die uns alle zu Kerkermeister_innen unserer Mitmenschen machen, zu durchbrechen. Zum einen müssen wir dazu die Rollen, die wir uns gegenseitig zuschreiben in den Blick nehmen und Vorurteile und Ressentiments hinterfragen und bekämpfen.
Zum anderen geht es aber auch um simple wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse. Ich habe wenig Geld, deshalb kaufe ich bei dem Discounter ein, der mir die Waren, die ich brauche am günstigsten anbietet. Damit übe ich ökonomischen Druck auf die Angestellten der Discountkette aus, deren Löhne gesenkt werden, um trotz der niedrigen Verkaufspreise noch Gewinne zu ermöglichen. Ich übe Druck auf die Produzent_innen der Waren aus, die für möglichst wenig Gehalt möglichst viel produzieren müssen. Und ich übe Druck auf alle anderen aus, die vielleicht dringend einen Job brauchen, aber mit dem geforderten Leistungsniveau nicht mithalten können. Dies alles tue ich, indem ich versuche möglichst billig einzukaufen. Sehr viele Menschen müssen allerdings billig einkaufen, da sie selbst kein Geld haben. Die Katze beißt sich also in den Schwanz. Es mag zunächst so aussehen, als läge die Schuld an der ganzen Misere ausschließlich bei den Chefs der Großkonzerne und deren Aufsichtsräten. Und vielleicht auch noch bei den Aktionär_innen dieser Großkonzerne, die zunächst einmal wie die lachenden Dritten dieses Systems aussehen. Wenn man aber nicht an diesem Punkt stehenbleibt und weiter denkt, stellt man fest, dass diese Bosse und Aktionäre eben auch unter ökonomischem Druck stehen. Die Bosse sind heutzutage meist Angestellte ihre Unternehmen – und Aktionär_in kann heute eigentlich fast jede_r sein. Theorien, in denen behauptet wird, es müssten nur „Die Da Oben“ beseitigt werden und alles würde sofort besser, haben also nicht das Potential, irgendetwas dauerhaft zum Besseren zu verändern. Es wäre aber genau so falsch zu behaupten, dass jeder Angriff auf die herrschenden Eliten automatisch rückschrittlich ist. Es existiert eine globale Klasse von Reichen und Mächtigen, die von diesem System profitiert und die alles tun wird, um ihre Privilegien zu verteidigen. Unsere Versuche, eine menschlichere Gesellschaft aufzubauen, werden angegriffen werden, sobald sie den alltäglichen Ablauf der Verwertungsmaschinerie behindern. Wir werden unsere Projekte gegen solche Angriffe verteidigen müssen. Schlussendlich werden wir bei dem Versuch, Herrschaft an sich zu zerschlagen auch gegen diejenigen vorgehen müssen, die als Funktionseliten gerade Herrschaft ausüben. Aber das kann eben nur ein Mittel zum Zweck sein, nicht der Kern unseres Handelns.


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