Wie wir miteinander umgehen wollen

Der folgende Text von der Antifa Bonn/Rhein-Sieg hat uns so gut gefallen, dass wir ihn dauerhaft auf unserem Blog stehen haben möchten.

Wie wir miteinander umgehen wollen

Der folgende Text ist ein generelles Positionspapier. Hintergrund ist die Erfahrung in der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen. Unsere Gruppe sah sich in letzter Zeit immer wieder mit verschiedenen Konflikten und Vorfällen konfrontiert, in denen sich ähnliche Mechanismen zu wiederholen schienen. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, an einem allgemeinen Konzept zur Umgang damit zu arbeiten. Dieser Text soll die Grundlage für die kommende Arbeit darstellen und entspricht einer prinzipiellen Haltung. Wir würden uns wünschen, wenn sich auf dieser Grundlage ein Austausch mit anderen Gruppen oder Personen ergeben würde, da wir nicht der Meinung sind, dass es sich hierbei um eine unverrückbare Position handeln kann.

Wie wir miteinander umgehen wollen

Wir, die wir uns politisch organisieren und dabei einen emanzipatorischen Anspruch an uns selber und unsere Mitmenschen stellen, haben bestimmte Ideale und Ziele im Kopf. Dabei unterscheiden wir uns nicht nur in der politischen Theorie und Praxis voneinander und grenzen uns, zum Teil zu Recht, zum Teil überambitioniert, in unseren Gruppierungen oder Organisationsformen voneinander ab, sondern wir sind auch als Individuen alle unterschiedlich. Diese Individualität zu betonen und zu pflegen ist ein bedeutender Teil des politischen Selbstverständnisses und die einzelnen Interessen miteinander zu vermitteln ein wichtiger Teil der politischen Praxis. Denn ein zwischenmenschlicher Umgang, in dem die Bedürfnisse der Einzelnen nicht zu Wort kommen oder klein gehalten werden, macht einen großen Teil dessen aus, was wir verändern möchten. Wenn auch en détail unterschiedliche Auffassungen über die Gewichtung der eigenen Praxis herrschen, sollten wir uns dennoch darin einig sein, dass wir wertschätzend miteinander umgehen. Wenn uns das nicht gelingt, geraten wir doch nur wieder in die Fahrwasser der Leistungsgesellschaft und wir können uns unseren emanzipatorischen Anspruch an die Glatze nageln.

Es bleibt nicht aus, dass wir uns streiten und ist eine logische Konsequenz aus der Tatsache, dass wir alle unterschiedlich sind. Awareness als Prinzip ist der Begriff für den grundlegenden Ansatz des wertschätzenden Umgangs und sollte zum Standard unseres Alltags werden. Stattdessen wird viel zu oft dieser Begriff mit Schutzstrukturen für Parties oder andere unübersichtliche soziale Ballungen gleichgesetzt und das „Awareness-Team“ wird zur polizei-ähnlichen Struktur. Dem Selbstverständnis nach und der Fremdzuschreibung gemäß werden „besonders sensible“ oder „konflikterfahrene“ Personen damit beauftragt, auf alle anderen aufzupassen. Die Verantwortung für sich selbst und die anderen wird auf wenige und die immer gleichen Schultern abgewälzt. Wen wundert’s, dass viele damit überfordert sind.

Als verkürzte Konsequenz des ursprünglich berechtigten Ansatzes, emotionale Unversehrtheit ebenso selbstverständlich wie die körperliche zu fordern, hat sich eine Politik der diskursiven Unangreifbarkeit etabliert. Hier dient der Rekurs auf die eigene Betroffenheit als Universalmittel dazu, hier und dort eine beliebige Sanktionsmacht durchzusetzen. Das wird in dem Moment gefährlich, wo nicht mehr der Wille zur Klärung oder Vereinbarung im Vordergrund steht, sondern offensichtlich die eigene Betroffenheit dazu genutzt wird, sich eine Sphäre der Unberührbarkeit zu schaffen. Diese äußert sich dann darin, dass unliebsame Personen ausgeschlossen werden, die Gefühlslage zum politischen Dogma der eigenen Clique wird und Kritik als Angriff auf die eigene Person und die eigenen politischen Strukturen gemünzt wird. Wenn diese Art des Umgangs zur Regel wird, versiegt jeglicher Austausch, verkommt die politische Praxis zum Abwehrkampf für die eigene Wohlfühlzone und theoretische Arbeit zu dessen Legitimation. Das hat dann für uns auch nichts mehr mit Betroffenensolidarität zu tun, denn solidarisch mit Menschen zu sein bedeutet für uns, ihre Interessen zu wahren und sie nicht zum Mittel in politischen Cliquenkämpfen zu machen. Das Resultat davon ist nur noch ein Zerrbild der ohnehin schon falschen Verhältnisse, die auch schon ohne politischen Anstrich von Feindseligkeit und Konkurrenz geprägt sind. Dabei gerät dann häufig völlig aus dem Blick, dass es eben diese gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die uns und unser Gegenüber in solchen Konflikten gegeneinander aufstellen. Die Veränderung dieser gesellschaftlichen Verhältnisse nur als eine Serie von Einzelkämpfen zu denken, würde uns dabei in eine Sackgasse manövrieren. Wir können nur dann gemeinsam für eine lebenswertere Welt kämpfen, wenn es uns gelingt, die Fehler in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen auf eine Weise anzugehen, die es uns ermöglicht, auch die Fehler im System zu bekämpfen. Insbesondere sollten wir vorsichtig bei der Aufstellung von moralischen Standards sein, die wir vielleicht selbst nicht erfüllen können.

Es lohnt sich, zu streiten und nur, wenn wir uns aneinander reiben und die Fehler der anderen aushalten, können wir uns weiterentwickeln. Um es mit dem Vater von Ronja Räubertochter zu sagen: „Man wird ja nochmal was an die Wand schmeißen dürfen“. Die Grundlage sollte dennoch immer und unhinterfragbar der wertschätzende Umgang miteinander sein; die Forderung: Awareness jederzeit und überall! Es ist nicht gleich jede Grenzüberschreitung ein bewusster Angriff gegen unsere Person und der Wille zu verzeihen, sollte nicht ganz vergessen werden. Wenn wir gemeinsam Politik machen, bedeutet das auch, dass wir füreinander einstehen. Das kann eingefordert und ebenso eingelöst werden. Das gute Leben für alle erreichen wir nicht, wenn unsere revolutionäre Perspektive an den Rändern der eigenen Wohlfühlzone stehen bleibt. Gerade das sollen wir uns nicht erlauben, da wir über die Verteilungskämpfe innerhalb unserer Wohlfühlzonen nicht vergessen dürfen, dass es auch noch Leute gibt, die das alles ganz anders sehen. Leider sind wir immer wieder mit Menschen konfrontiert, die unsere Forderungen mit Füßen treten, und gegen die müssen wir uns wehren. Es sind die, die bewusst und gezielt gegen unsere Vorstellungen von Gleichberechtigung und Freiheit handeln, die wir als unsere politischen Feinde begreifen. Es sind diejenigen, die Ideologien von der prinzipiellen Ungleichheit der Menschen zur Maxime ihres politischen Handelns machen.

Wenn sich unser Umgang miteinander dahin entwickelt, dass strukturelle Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten auf einer persönlichen Ebene ausgehandelt werden und wir uns in persönlichen Anschuldigungen verfangen, kann es viel zu schnell geschehen, dass unser Engagement verpufft. Es kann nicht darum gehen, unsere eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten totzuschweigen. Wir müssen sie erkennen und thematisieren. Nur wenn wir an- und miteinander arbeiten, uns selbst und die Kontexte, in denen wir uns bewegen im Blick haben, können wir Bedingungen schaffen, die allen gerechter werden. Wenn sich auf der anderen Seite unser politisches Engagement darin erschöpft, dass wir uns gegenseitig fertig machen, rückt die ohnehin schon utopische Vorstellung einer gerechteren Gesellschaft in noch unerreichbarere Fernen.

Lasst uns gemeinsam das schöne Leben fordern und erkämpfen!“
(Antifa Bonn/Rhein-Sieg, Dezember 2016)


0 Antworten auf „Wie wir miteinander umgehen wollen“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs − = eins