Unser Standpunkt zur Initiative „Viva Viktoria“ und damit zusammenhängender Stadtentwicklung

Knapp zwei Monate ist es her, dass die Initiative Viva Viktoria! in ihrem Engagement gegen die geplante Shopping Mall einen ersten bedeutenden Erfolg verbuchen konnte. Dem Bürgerbegehren gegen die geplante Mall wurde stattgegeben und das von der Unternehmergruppe SIGNA ursprünglich geplante Projekt liegt nun auf Eis. Und weiter regt sich was: Die Initiative fängt nun an, gemeinsam mit der städtischen Verwaltung ein bürgernahes Konzept für das Viertel zu entwicklen. Was daraus werden wird, muss sich zeigen; dennoch scheinen die Impulse, die gesetzt werden, zu wirken. Der Einsatz für eine Stadtplanung von unten unterstützen wir prinzipiell (die Rethorik von den hässlichen Fratzen des Unternehmertums klingt leider ein wenig Müntefering’sch und eine derartig verkürzte Kritik teilen wir nicht) und wir blicken gespannten Auges auf das, was da kommen mag.
Obwohl wir undemkratische Verfahrensweisen ablehnen und aus diesem Grunde die Initiative zu ihrem Erfolg beglückwünschen, fällt es uns schwer, Viva Viktoria vollständig zu unterstützen.

Die Initiative „Viva Viktoria“ ist ein Projekt, das sich als Reaktion auf den Verkauf des Viktoriaviertels in der Bonner Innenstadt im Sommer dieses Jahres formierte. Es handelt sich dabei, wie man auch detailliert auf der Seite der Initiative erfahren kann, um einen Bereich mitten im Zentrum Bonns und damit um ein städteplanerisches Filetstück. Umgeben von Einzelhandel steht ein großer Brocken innerhalb dieses Komplexes schon lange leer: das Viktoriabad.
Dass dieses Objekt schützenswert ist und dass weder Bonn noch irgend eine andere Stadt eine Shoppingmall braucht, wo intakte (museale) Bausubstanz vorhanden ist, finden wir auch.
Schon klar, dass das Viktoriabad überhaupt existiert, leer und zum Verkauf steht, ist wahrscheinlich den wenigsten Bürger*innen bewusst gewesen, und insofern ist das Bürgerbegehren, der Initiative der richtige Weg, um eine Öffentlichkeit für diese Thematik zu schaffen. Zugleich ist dieser Dissens bloß eine Episode eine groß angelegten Projekts, das schon vor Jahren von einem runden Tisch verabschiedet wurde. Es handelt sich um den „Masterplan für die Innere Stadt“ und alle Prozesse, die unterschiedlich korrekt ablaufen, die etwas mit der Entwicklung der Stadt zu tun haben, sind Teil dieses Plans. So fällt die Entscheidung über die langfristige Nutzung der Ermekeilkaserne direkt mit dem Stadtentwicklungsplanes zusammen, ebenso steht in diesem schwarz auf weiß, dass ein Neubau der Viktoriabrücke dringend notwendig ist. Die Erweiterung des Campus Poppelsdorf fällt ebenso darunter. Zwar wurde das Ergebnis dieses Runden Tisches öffentlich gemacht und auch wurde sich bemüht, verschiedene Institutionen an diesen Tisch zu holen: Gewerkschaften, Kirche, Parteien,… Das klingt erstmal ganz nett und ist wahrscheinlich auch so gemeint, doch ist das in unseren Augen bloße Augenwischerei. Das öffentliche Papier zum „Masterplan für die Innere Stadt“ ist vollständig einsehbar, und wer sich die Mühe macht die 20-30 Seiten durchzuarbeiten, merkt schnell wess Kind dieses Papier ist. Nach eigener Auffassung konkurriert Bonn offensichtlich mit der Stadt Siegburg sic. um die Kaufkraft der Bürger*innen der Region. Und aus diesem Grund befasst sich der überwiegende Teil dieses Masterplans mit der Planung von Möglichkeiten, Dinge zu verkaufen, sprich: den Einzelhandel zu stärken. Und tatsächlich scheint der Plan aufzugehen. Allenthalben werden Geschäfte von anderen Geschäften verdrängt und ganze Straßenzüge einzelnen Unternehmer*innen verkloppt. (Siehe: Fürstenstraße) Das ist insofern ärgerlich, dass als Resultat dieser blinden Discountermentalität inzwischen in der Nähe des Universitätshauptgebäudes nicht mehr ein einziger gut sortierter Buchladen zu finden ist. Stattdessen kann mensch sich allerorts teure Jeans und Kaffee zum mitnehmen kaufen.
Wir sehen die Notwendigkeit, die durch das Desaster mit dem WCCB entstandenen Kosten durch gute Geschäfte mit flüssigen Großinvestoren wieder gut zu machen. Leider fühlt sich das dann in den Köpfen der Leute, wie Axel Bergfeld oder Bernd Eder wie eine Ungerechtigkeit an, und dankenswerterweise gehen diese dann auf die Barrikaden. Uns reicht allerdings die Kritik an einzelnen Projekten viel zu kurz und ein wenig sieht es so aus, als handelten die Initiatoren hauptsächlich im eigenen Interesse, wenn sie (zum Teil) als Besitzer von eben jenen Geschäften agieren, die von größeren Geschäften bedroht werden, wovon oben schon gesprochen wurde .

Wir fordern ein radikales Umdenken in Bezug auf die Dinge, die eine Stadt braucht. Keine Stadt braucht, um eine funktionierende Gemeinschaft zu beherbergen, große Shoppingcenter. Ein Stadtklima wird nicht von Prestigeprojekten geprägt. Scheiß auf verkackte Großprojekte! Was wir tatsächlich brauchen, ist noch nicht einmal teuer, aber dafür entzieht es sich der Kontrolle der bürokratischen Verwaltung: Wir fordern selbstverwaltete Räume überall in der Stadt! Jedes Mal, wenn der „Kulturtopf“ wieder gekürzt wird, sollte ein neuer Freiraum entstehen, in dem die Menschen tun können, was sie wollen, ohne auf verrotzte Haushaltspläne schielen zu müssen, wenn sie nur einen Furz lassen. Leider kommt in den Köpfen der Damen und Herren Städteplaner*innen und Abgeordenten Selbstverwaltung nicht vor und deswegen hat das Leben in kapitalistischen Städten nichts mit Freiheit zu tun, denn nur, wo wir uns abseits irgendwelcher monetärer Sachzwänge entfalten können, sind wir wirklich frei.
Die Forderung der „Viva Viktoria“-Initiative ist sinnvoll und unterstützendwert, doch wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei!

Her mit dem schönen Leben!

Her mit dem libertären Zentrum!

Kein Schlaf ohne!